Retrospektive für Fortgeschrittene

Egal wie gut ein Scrum-Team ist, es gibt immer die Möglichkeit, sich zu verbessern. Obwohl ein gutes Scrum-Team ständig nach Verbesserungsmöglichkeiten sucht, sollte es am Ende eines jeden Sprints bewusst darüber nachdenken, wie es ihnen geht und Wege zur Verbesserung zu finden. Dies geschieht während der Sprint Retrospektive. Die Sprint Retrospektive ist in der Regel das Letzte, was in einem Sprint gemacht wird. Viele Teams werden es daher sofort nach der Sprint Review tun. Das gesamte Team, einschließlich des Scrum Masters und des Product Owners, sollte teilnehmen. Retrospektiven sind das Herzstück von Scrum und der agilen Welt. Kurz gesagt, die Retrospektive ist der Raum, in dem sich das Team gestärkt fühlen kann, in dem es den Prozess kritisieren und seine Leistungen feiern kann, was immer gut für die Ausdauer und Moral des Teams sein wird.

Die Scrum-Retrospektive kann jedoch auch stagnieren. Wenn das Team von dieser sich wiederholenden Aktivität gelangweilt wird, kann der Prozess langweilig werden. Wenn Teams keine Änderungen an ihren früheren Vorschlägen sieht, oder wenn es an Motivation mangelt, verlieren sie oft den agilen Spirit, der Verbesserungen in der Teamarbeit fördert. Was kann man also dagegen tun? Wie kann man diese Situation vermeiden? In Anbetracht dessen und im Bewusstsein, dass dies eine häufige Situation in agilen Software-Teams ist, haben wir Wege gewählt, um die nächste Retrospektive viel besser und produktiver zu gestalten.

Grundlagen

Je länger die Projektdauer, desto länger liegen die vereinbarten Grundlagen zurück. Oft hilft es diese hier und da aufzufrischen.

Das Eis brechen

Man sollte die Voraussetzungen schaffen, damit sich jedes Mitglied des Teams wohl fühlt. Die Retrospektive sollte der sichere Ort für das Team sein. Das Team kann so bisherige Erkenntnisse bewerten und bessere Ideen entwickeln. Eine einfache Frage an das Team kann daher angenehme Voraussetzungen schaffen. Welche Art von Emotion hatte das Team im letzten Sprint? Das Team soll sich auf eine Art einigen: Freude, Frustration, Traurigkeit, Stolz, etc. Wie fühlt sich das Team heute auf einer Skala von 1 bis 10?

Warum Retrospektiven?

Zurück zu den Wurzeln: „Warum haben wir Retrospektiven?“. Antworten müssen notiert bewertet und an alle kommuniziert werden. Es könnte eine Überraschung geben.

Der Zweck des Teams

Ein Zweck („Purpose“) ist der Grund, warum ein Team etwas tut oder warum etwas existiert. Ein klarer, inspirierender und ehrgeiziger Zweck wird das Team ermutigen, sich kontinuierlich zu verbessern. Ohne einen Zweck läuft das Team Gefahr, zu Scrum-Zombies zu werden, die nur „mechanisch“ an der Retrospektive teilnehmen.

Der Team Purpose ist Bestandteil des Teamcanvas. Ließ mehr dazu im gleichnamigen Artikel [link]

Feedback

Feedback über den Verlauf des Prozesses ist ungemein wichtig. Man sollte es aktiv einfordern und diskutieren. Ein-Wort-Fragen sind können hierbei sehr nützlich sein:

  • Ergebnis der Retrospektive: Lösungen, Probleme, Verbesserungen, neue Ideen oder Zeitverlust.
  • Glücksmetrik: Jedes Mitglied bewertet die Retrospektive auf einer Skala von 1 bis 5.
  • Zeichnung: Jede Person fertigt eine Zeichnung an und teilt sie mit dem Team.
  • Rückmeldungstür: Beim Verlassen gibt jedes Teammitglied sein Feedback

Erwartungen

Es kann helfen, Teammitgliedern die Chance zu geben sich noch einmal klar zu werden was sie voneinander erwarten. Jedes Teammitglied erhält ein Blatt Papier, das auf der unteren Hälfte leer ist und in der oberen Hälfte 2 Abschnitte hat. Darauf stehen die Fragen: Was erwarten meine Teamkollegen von mir und was erwarte ich von meinen Teamkollegen. Die Teilnehmer füllen die obere Hälfte selbst aus. Danach geben sie ihre Arbeit nach links weiter und überprüfen das Blatt, das sie bekommen haben. In der unteren Hälfte schreiben sie, was sie persönlich vom Autor erwarten. Sie unterschreiben und geben das Blatt weiter. Nach einer vollständigen Runde werden die Erwartungen überprüft und diskutiert.

Veränderung in den Retrospektiven schaffen

Um einer eingeschlafenen Retrospektive wieder etwas Aufschwung zu verleihen hilft es oft verschiedene Elemente zu tauschen.

Den Scrum Retrospektiven Moderator austauschen

Nirgends ist streng vorgeschrieben, wer eine Retrospektive moderieren soll. Normalerweise ist dies natürlich der Scrum Master, doch zur Abwechslung kann diese Rolle auch mal ein Teammitglied übernehmen. Dies verhindert, dass die Retrospektive zur „Scrum Master Show“ wird und gibt diesem die Möglichkeit, von innen heraus mehr als Teammitglied zu agieren. Der Scrum Master übernimmt die Rolle des Teammitglieds und nimmt (beispielhaft) an der Retrospektive teil. Sicherlich ist es schwierig, den Teammitgliedern die Rolle des Moderators zu geben. Es lässt sie jedoch mehr denken und mitmachen, während sie sich selbst als wichtigen Teil der Projektentwicklung stärken. Jedes Mitglied kann die Retrospektive in seinem eigenen Stil gestalten, was jedes Meeting optimiert und bereichert. Schließlich wird jedes Mitglied unterschiedliche Agendas und Stile haben, die mehr (oder weniger) Informationen zu bestimmten Themen bereitstellen.

Einen anderen Ort wählen

Die Wahl eines anderen Standorts für die Retrospektive könnte Wunder bewirken. Es steht auch nirgends geschrieben, dass man eine Retrospektive nicht in einem öffentlichen Park oder auf einem Boot abhalten kann. Ein völlig anderes Umfeld hilft dem Team bei der Ideenfindung und Definition von Out-of-the-Box-Ideen.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Eine Retrospektive betrachtet grundsätzlich die Zusammenarbeit eines Teams im letzten Sprint. Dabei vergisst man oft wie viele Sprints die Teams bereits erfolgreich hinter sich gebracht haben. Auch was um ein Team herum passiert oder wie die Zukunft aussehen soll findet oft keine Betrachtung. Um Abwechslung in eine Retrospektive zu bringen sollte man daher jedoch innehalten und genau diese Perspektiven aufgreifen.

Ergebnisse zeigen: Überprüfung früherer Ziele und Verbesserungen

Einer der Schlüssel zur Teammotivation ist es, die Verbesserungen aus früheren Retrospektiven aufzuzeigen. Die Leistungsanalyse kann später als Ergebnis der Retrospektive erfolgen, aber zumindest wird das Team wissen, dass ihre Worte, Ideen und Beschwerden nicht umsonst waren. Infolgedessen bespricht das Team ausführlich, was passiert ist, warum bestimmte User Stories gewonnen haben und was das Team lernen oder verbessern kann. Dies wird dem Team helfen, Verbesserungen und Erfolge zu identifizieren und genau zu beschreiben, was passiert ist, im Guten wie im Schlechten. Außerdem hilft es, Ideen aus persönlichen Erfahrungen zu entwickeln. Egal welche Technik verwendet wird, um die Retrospektive jedes Mal zu variieren, die Idee ist das Team zu überraschen.

Hidden Agenda

Gibt es versteckte Motive oder unausgesprochene Tabus, die das Team zurückhalten? Im Kreis des Vertrauen und im Schutze der Anonymität schreiben alle Teammitglieder das größte unausgesprochene Tabu im Unternehmen oder Team auf ein Blatt Papier. Die Beiträge werden gemischt, neu verteilt. Jetzt können Kommentare hinzugefügt werden. Es gibt keine öffentliche Diskussion. Nach ein paar Durchgängen werden alle Seiten feierlich zerfetzt.

Szenarien in der Zukunft

„Stellt euch vor, ihr könntet bis zum Ende der nächsten Iteration sprigen. Ihr erfahrt, dass es der bisher beste und produktivste Sprint war war! Wie beschreibt ihr dieses Gefühl? Wie hat die Organisation darauf reagiert“. Man sollte es Teams ermöglichen, ihre Vision eines perfekten Sprints zu beschreiben. Anschließend wird die Frage gestellt: „Welche Veränderungen haben wir umgesetzt, die zu einer so produktiven und zufriedenstellenden Zukunft geführt haben?“ Die Antworten sind direkte Verbesserungsvorschläge oder -maßnahmen für den nächsten Sprint.

Abwechslung in den Retrospektiven schaffen

Das ist der Schlüssel. Es gibt viele Anleitungen, wie man eine nützliche und nicht routinemäßige Scrum Retrospektive durchführt. Demzufolge gibt es viele Werkzeuge und Techniken, aus denen man Informationen entnehmen kann. Im Internet gibt es daher zahlreiche Seiten, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Folgend ein paar beispielhafte Techniken um eine Retrospektive inhaltlich zu verbessern.

1. Start-Stop-Fortsetzung Besprechung

Bei diesem Ansatz wird jedes Teammitglied gebeten, bestimmte Dinge zu identifizieren, mit denen das Team beginnen, aufhören und weitermachen sollte. Der Scrum Master kann durch den Raum gehen und jede Person bitten, eine Sache zu identifizieren, die sie starten, stoppen oder fortsetzen möchte. Er kann teammitglieder auch dazu anhalten, sich auf Dinge zu konzentrieren, die nur gestartet, gestoppt oder fortgesetzt werden. Nachdem eine erste Ideenliste erstellt wurde, werden die Teams gemeinsam über die Punkte abstimmen, auf die sie sich im kommenden Sprint konzentrieren werden. Am Ende des Sprints wird die nächste Retrospektive oft damit begonnen, diese Liste auf deren Umsetzung zu überprüfen.

2. Die Schnellboot Retro Tour

Die Speedboat Retrospektive geht über die typischen Fragen hinaus und hilft, tiefergehende Einblicke zu gewinnen. Das Team befindet sich auf einem Boot und beschreibt die Dinge, die es sieht.

  • Insel/Vision: Das Ziel für die mittel- bis langfristige Laufzeit des Projekts. Diese Idee scheint offensichtlich zu sein, geht aber manchmal bei alltäglichen Aufgaben verloren.
  • Wind/Was hilft dem Team: Was hilft dem Team, besser, schneller und reifer zu werden. Hier werden die positiven Elemente aufgezeigt.
  • Anker/Verbesserungsmöglichkeiten: Was hält das Team zurück, Hindernisse, Dinge, die schief gelaufen sind oder die nicht wiederholt werden sollten.
  • Das Riff/Risiken: Dinge, die analysiert werden sollten, da sie in Zukunft zu Problemen werden könnten.

3. Academy Awards Retrospektive

Dies ist definitiv eine Aktivität, die die Dynamik der Scrum Retrospektive vollständig verändert. Hier nominiert jedes Teammitglied eine User Story und wählt den Gewinner in den folgenden Kategorien:

  • Beste Geschichte
  • Ärgerlichste Geschichte
  • Technisch komplexeste Geschichte oder aufregendste Geschichte

In einem Abstimmungsverfahren werden die Gewinner ermittelt. Anschließend können Teammitglieder Dankesreden und beschreiben welche Faktoren zu diesem Erfolg/ Misserfolg geführt haben.

4. Charakterkarten

Diese Übung gibt einen Einblick in die eigene Persönlichkeit und kann dazu genutzt werden, ein intensives Gespräch über die Einstellung und das Verhalten des anderen zu führen. Hierbei werden Karten mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften verwendet. Die Teammitglieder ordnen die Karten ihren Kollegen selbstständig zu. Man kann das Spiel für daher Teambuilding, Beurteilungen, Coaching und Beratung, Karriereplanung, Entwicklung und persönliche Stärken nutzen. Scrum Master könenn es aber auch verwenden, um Feedback innerhalb des Scrum Teams zu erhalten. Das Spiel hilft dabei, ein klares Bild davon zu schaffen, wie eine Person sich selbst sieht und wie jemand anderes diese Person wahrnimmt. Diese Beurteilung fällt den Teammitgliedern in der Regel nicht leicht und führt dementsprechend oft zu ergiebigen Gesprächen.

5. Das Zentrum der Übereinstimmung

Das Team versammelt ich in einem Kreis. Die Mitte des Kreises stellt das Zentrum der Übereinstimmung dar. Nun werden Statements vorgelesen wie:

  • Ich glaube, ich kann in dieser Retrospektive offen sprechen.
  • Mit der Qualität unseres Codes bin ich zufrieden.
  • Ich fühle mich Teil des besten Teams aller Zeiten.

Stimmen Teammitglieder der Aussage zu bewegen sie sich in die Mitte, wenn nicht machen sie einen Schritt zurück. Anschließend diskutiert das Team die überraschendsten Konstellationen.

Retrospektiven effektiv zu planen und durchzuführen ist viel einfacher gesagt als getan. Dies ist nur eine kurze Liste von Ratschlägen und Maßnahmen, die berücksichtigt werden könnten, wenn man seine Scrum Retrospektive verbessern möchte. Es gibt daher unzählige andere Techniken, die eingesetzt werden können. Man muss jedoch immer bedenken, dass es auch bei reifen Teams Möglichkeiten zur Verbesserung gibt.

Die Grundlagen der Retrospektive findest du in den Scrum Basics [link]

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